Die Brasa Schlucht (SP38) – Strada della Forra

Die Straße, die dem kleinen Flüsschen Brasa von Tremosine hinunter zum Gardasee folgt und dabei teilweise förmlich an die Felsen geklebt ist, trägt auch den Namen Strada della Forra. Zweifellos gehört dieses enge Sträßchen zu den 10 schönsten Straßen der Welt: Das stellte sogar Winston Churchill fest, der die Straße als „das 8. Weltwunder“ bezeichnete.

Diese einzigartige Straße verbindet den Ort Pieve auf der Tremosine-Hochebene mit der tief unten um den See führenden Gardasana. Man kann es sich heute kaum vorstellen aber vor 1913 gab es keine Straßenverbindung von Pieve hinunter zum See. Die Anwohner der kleinen Ortschaften auf der Hochebene mussten alles, was für den täglichen Bedarf benötigt wurde, über einen steilen Pfad auf den Schultern nach oben tragen. Was für eine Schlepperei!

Der damalige Pfarrer von Vesio, Giacomo Zanini wollte jedoch einen einfacheren Zugang zum Seeufer haben und vergab im Jahre 1908 den Auftrag für eine Straßenverbindung an Signiore Arturo Cozzaglio, welcher die halsbrecherische Route durch die Brasaschlucht entwarf und uns somit eine der fantastischsten und atemberaubendsten Straßen der Welt baute.

Nach 4 Jahren Bauzeit, für damalige Verhältnisse und die besonderen Herausforderungen der Geologie und Geografie eine kurze Zeit, wurde die Straße am 08. Mai 1913 offiziell eingeweiht. Die Frankfurter Zeitung schrieb seinerzeit, dass es sich bei diesen Kurven um „die schönste Straße der Welt“ handelt.

Die damalige Routenführung war allerdings eine etwas andere; einige Passagen wurden in den letzten Jahren „entschärft“ und durch Tunnels ersetzt. Man kann aber teilweise die alte Straße noch neben den Tunnels erkennen: Besonders gut sieht man diese Streckenteile von der 300m höher gelegenen Schauderterrasse des Hotel Paradiso, dazu muss man sich allerdings schon über das Geländer hinauslehnen und steil nach unten auf den fast 400m tieferliegenden Gardasee schauen.

Jedes Mal, wenn ich von der Gardasana in den ersten Tunnel zur Strade della Forra einbiege, höre ich im Geiste Maschinengewehrfeuer und Reifenquietschen. Wieso, wollen Sie wissen? Ganz einfach, hier ist eine der Schlüsselsequenzen zu einem James Bond Film gedreht worden. Ein Quantum Trost startet genaugenommen in der Gardasana, allerdings auf der anderen Seeseite, und endet nach vielen Actionszenen direkt nach diesem Tunnel. Dank Filmschnitt kommt unser Held nach weiteren Szenen in einem Steinbruch raus (den suche ich hier schon Jahre vergeblich) und landet dann in einem Tunnel in Siena. Mit einem Aston Martin durchs Wurmloch.

Wir fahren also die erste Steilstrecke bis hoch zur ersten, noch sehr gut ausgebauten Kehre hinauf. Bereits hier müssen wir bei Gegenverkehr schon mal anhalten und näher an die Felsen fahren, um den Gegenverkehr passieren zu lassen. Die erste Kehre ist gut ausgebaut (frühere Ausbaustufe siehe 2. Bild oben) und bietet sogar einige Parkplätze. Wenn diese nicht alle schon besetzt sind, kann man hier schon mal halt machen, denn hier bietet sich ein sehr schöner Blick auf den bereits etwas unter uns liegenden Gardasee nach Norden und Süden.

Von hier aus geht es weiter, steiler und enger werdend, aufwärts immer am Fels entlang, die Straße spaltet den Berg teilweise, sodass noch Felsnadeln auf der anderen Straßenseite stehen. Bevor wir in den ersten längeren, unbeleuchteten Tunnel einfahren, sehen wir rechts einen Teil der alten Trasse und am Felsen werden wir mit einer Inschrift von der Gemeinde Tremosine willkommen geheißen. Mein Blick schweift sehnsüchtig zu dem kleinen Tunneleingang neben der blanken Felswand hinüber, aber dafür bin ich leider zu spät geboren, dazu hätte ich mal früher hierherfahren müssen. Sei´s drum, im Stockdunklen arbeiten wir uns einige Höhenmeter durch den in den Felsen gehauen Tunnel hinauf, ein einziges Fenster im Tunnel lässt nur wenig Tageslicht ins Tunnelinnere und im Cabrio merkt man deutlich, dass sich hier die Kühle sehr lange hält, das Außenthermometer fällt um einige Grad und ein paar Tropfen fallen von der Decke. Wir gewöhnen uns langsam an die feuchte Dunkelheit, nur um beim Verlassen des Tunnels von der gleißenden, italienischen Sonne geblendet zu werden. Wir müssen uns erstmal wieder an die Helligkeit gewöhnen, um beim Blick nach rechts ein wunderbares Panorama auf den unter uns liegenden Lago di Garda genießen zu können.

Die darauffolgende Engstelle und die Einfahrt in das noch der alten Trasse angehörige Tunnel lässt uns erahnen, was wir vorhin durch den langen Tunnel versäumt haben. Tunnel rein, Felsnadeln zur Linken und weiter in den nächsten kurzen Tunnel. Die über uns verbauten Steinschlagnetze versuchen, uns etwas Sicherheit zu vermitteln, aber wieviel Fels halten die Netze denn wirklich aus? Die Wand ist hier 300m hoch, da bekommt das Steinchen schon eine ordentliche Geschwindigkeit bis zum Aufschlag. Egal, wir genießen die Fahrt und die Aussicht und die mediterrane Wärme hier an der sonnenbeschienenen Felswand, Grillen begrüßen uns mit Ihrem Gezirpe. Die ideale Zeit für eine Befahrung ist übrigens der Vormittag, wenn wie erwähnt die Sonne auf die Straße und die Felsen scheint, nachmittags liegt die Straße mehr im Schatten, da treiben wir uns lieber auf der Monte Baldo Seite rum.

Was eben noch eine Mauer war, die uns vor dem Abgrund trennte, wird nun zu einer Leitplanke mit Holzbewährung, meine Beifahrerin rückt näher zu mir ran, riskiert aber trotzdem einen Blick hinunter zum strahlend blauen See und den auf das Blau gezeichneten Spuren der Motorboote, die in verschiedene Richtungen unterwegs sind.

Bevor die Straße nun wirklich in die Schlucht einbiegt, befinden sich im Tunnel noch einige, wenn auch sehr enge Parkplätze. Wenn diese besetzt sind, lohnt aber auch ein kleiner Spaziergang zurück, um aus den „Schießscharten“ einen atemberaubenden Blick nach unten zu werfen. Die Boote, Surfer und Kiter auf dem See sind schon sehr klein geworden. Bei Wind spürt man aber, warum der See ein Eldorado für alle Wassersportler ist, es „kachelt“ auch hier oben manchmal ordentlich. Der See schickt uns einen Gruß aus den tausendfach von den Wellen reflektierten Strahlen der Sonne nach oben, es riecht mediterran und unser Blick schweift bis zum südlichen See, der sich nach den fjordähnlichen Norden im Süden hin zur Poebene weit öffnet.

Zurück auf der Straße geht es in die eigentliche Schlucht, nach einer Linkskurve fahren wir in die hier noch breite Schlucht ein, es kommt die erste Kehre, doch was ist das? Hier steht seit 2016 eine Ampel, die den Verkehr auf dem nächsten Abschnitt regelt. Damit die unheimlichen Begegnungen der engen Art nicht zu oft vorkommen, hat man hier einen geregelten Abschnitt errichtet – Schade. Naja, wenn man die Pole hat, kann man die Auffahrt wenigstens ohne Gegenverkehr genießen. Man sollte sich aber nicht allzu sehr darauf verlassen, denn, wenn es einem Fahrer über uns einfällt, er könne seinen Parkplatz während einer unserer Grünphasen entgegengesetzt zu uns verlassen, haben wir trotzdem eine Begegnung der engen Art. Also Vorsicht ist die Mutter der geliebten Blechkiste.

Da wir am Ende der Schlange vor der Ampel standen, warten wir geduldig, bis die Ampel auf Gelb springt und jagen dann der Meute hinterher. Noch eine Kehre mit Gardaseeblick und wir fahren in den engen Teil der Schlucht hinein. Die freie Straße verleitet uns, die Geschwindigkeitsbegrenzung etwas zu missachten, durch einen Wasserbogen. Hier ist nach starkem Regen einiges geboten (man sollte dann das Dach geschlossen haben), aber wir haben Topwetter, kein Tropfen läuft über und wir schwingen mit der Straße in die Schlucht ein. Jetzt wird es richtig eng, der gute Arturo hat hier wirklich sein Bestes gegeben und die Straße in den Felsen gehauen und teilweise auch gesprengt, Überhänge wechseln mit Brücken und engen Tunnels, die Straße und der Bach haben nebeneinander keinen Platz. Man hört den Bach die Kaskaden nach unten springen und unser Motor zieht uns weiter nach oben. Teilweise kann man durch die eng zusammenstehenden Felswände nicht einmal den Himmel sehen, aber der muss da oben sein strahlendes Blau über uns ausschütten. Nach einem weiteren Tunnel steht da der Gegenverkehr und wartet. Wenn man hier sofort nach links blickt, sieht man eine Gedenkstätte, die immer mit Kerzen beleuchtet ist: Hier wird den getöteten Arbeitern während des Straßenbaus gedacht. Wir verneigen uns in Ehrfurcht vor Ihrer Leistung und blicken nach oben, wo wir eine Steinbrücke sehen, über die wir gleich unseren Anstieg fortsetzen werden. Die Schlucht weitet sich und wir erspähen ein Ristorante, eins von zwei hier an der Straße. Unser Favorit liegt weiter oben aber auch hier kann man gut und noch preiswert essen. Vorsicht, der Zebrastreifen ist keine Deko: Nicht den Kellner überfahren, der die Gäste auf der anderen Straßenseite bedienen darf.

Eine Tornante mehr und wir kommen über die vorhin gesehene, aus Fels gemauerte Brücke und schauen nach unten, wo der Gegenverkehr sich in Bewegung setzt. Wir haben längst die Vorausfahrenden eingeholt und lassen uns auf der Brücke wieder etwas zurückfallen, damit wir die restlichen Höhenmeter mit den Tunnels und den Kurven wieder alleine genießen können. Vorbei an unserem „Lieblingsristorante“ blubbert der Motor nach oben, Cabrios, Motorräder und nicht motorisierte Räder kommen uns entgegen, die Schlucht wir breiter, das felsige Grau wird wieder vom mediterranen Grün überwuchert und der Blick kann wieder über die hier stehenden, schlanken Pinien zur anderen Seeseite schweifen.

Noch einige Kurven und wir sehen das Ortsschild von Pieve und fahren in die kleine Ortschaft ein. Der aufregende Teil wäre hiermit beendet oder man dreht um und fährt die ganze Strecke gleich wieder runter, ich bin dabei.

Noch ein Tipp: Weiter Richtung Tignale fahren und unbedingt die vorhin schon erwähnte Schauderterrasse des Hotel Paradiso besuchen. Hier kann man von der Plattform den Blick hinunter zum See genießen und ganz entspannt einen Cappuccino trinken oder gemütlich in der Sonne einen Eisbecher genießen. Man sollte allerdings beim Blick auf den 400 m tieferliegenden See schwindelfrei sein, denn manche Besucher umklammern das Geländer schon sehr krampfhaft. Aber diesen unvergesslichen Blick auf die phänomenale Straßenführung, die man von hier oben sehr gut sehen kann, sollte man schon mitnehmen.

Egal wie wir nach dem Cappuccino weiterfahren, zurück zum Kreisverkehr oder direkt nach Tignale, wir haben soeben eine der schönsten Straßen der Welt befahren. In einer der wunderbarsten Gegenden in Italien, am einmaligen, traumhaft schönen Lago di Garda.

Diese Zusammenstellung muss man im Rest der Welt suchen und all das haben wir praktisch vor unserer Haustür. In einem meiner Urlaube, den ich hier oben in Pieve verbringen durfte, bin ich an 4 Tage 9mal diese Strecke gefahren und es wurde mir immer noch nicht langweilig, auch wenn ich nicht wie James Bond von Schurken gejagt wurde und ein 400PS starken Boliden bewegen durfte.

Auf dieser Seeseite gibt es noch unzählig viele fantastische Straßen aber dazu an anderer Stelle und ein anderes Mal mehr.

Ach, eins noch, immer offenbleiben, für alles und jeden.

Euer Tourenwolf

Sehenswert ist natürlich auch das dazugehörige Video: https://www.youtube.com/watch?v=NjffhP0Mtx8

Text und Bilder von Jens Wenderlein – vielen Dank dafür!

 

Wir waren auch schon auf dieser Traumstrecke unterwegs: 1000roadstodrive.com/2006/10/25/brasaschlucht/

#roadstertouren
#1000roadstodrive

Detailinformationen

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